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Das lebendige Archiv auf dem Schulhof – die Eröffnung der Remise

Kreuzberger (Schul-)Geschichte als Filmprojekt, Hörspiel, in Grafik- und Schreibwerkstätten und als Virtual Reality: Die Remise auf dem Schulhof der Nürtingen-Grundschule ist zu einem vielseitigen und kritischen Ausstellungsraum geworden.

Im Rahmen des vom Programm Soziale Stadt geförderten Projekts Lokalhistorisches Museum, haben sich über 50 SchülerInnen der Kreuzberger Schul- und Migrationsgeschichte gewidmet und diese in zahlreichen Formaten aufgearbeitet. Seit Frühling letzten Jahres wurde in Archiven gekramt und das Material kreativ verarbeitet – die Ausstellung, die am vergangenen Freitag feierlich eröffnet wurde, kann sich sehen lassen!

Eine bauliche Insel wird zum Erinnerungsort

Die 1876 erbaute Remise, welche lange Jahre als Wirtschaftsgebäude diente, wurde auch in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich als Abstell- und Ausweichraum verwendet – so Schulleiter Markus Schega. Seit der Sanierung vor zwölf Jahren gab es immer wieder interessante Zwischennutzungen, sowie z.B. vom Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste oder der Nutzung als Töpferwerkstatt. Markus Schega freut sich in seiner Eröffnungsrede darüber, diesen besonderen Ort nun wieder langfristig zu bespielen. Das neue Workshop-Programm brachte die Nürtingen-Grundschule und die benachbarte Heinrich-Zille-Grundschule bereits näher zusammen. Als Vertreter des Projektträgers Förderverein der Nürtingen-Grundschule e.V. bedankt er sich bei den zahlreichen Kulturschaffenden, die mit den Kindern die Beiträge erarbeitet haben, aber vor allem auch bei den „Museumsdirektorinnen“ Carmen Mörsch, Jacqueline Aslan und Aylin Turgay, die diese außergewöhnliche Ausstellung kuratierten.

„Wie klingen die Zeiten?“ – Kritische Projekte und Werkstätten

Die Recherche- und Ausstellungsformate schrecken vor kritischen, „erwachsenen“ Themen nicht zurück. Probleme wie institutioneller Rassismus wurden in Bezug auf die Kreuzberger GastarbeiterInnengeneration bei den Recherchen mehr als deutlich. „Das Archiv“ arbeitete die Schulchronik anhand von Protokollen und Berichten auf. Migration spielte in diesen Dokumenten eine auffallend kleine Rolle – es wurde offensichtlich, dass hier nur bestimmte Menschen zu Wort gekommen sind. Das soll sich nun ändern! Ein leeres Regal will mit genau diesen (auch schmerzlichen) persönlichen Schul- und Nachbarschaftsgeschichten gefüllt werden.

Das Filmprojekt „Der Mauergarten“ nimmt den besonderen Garten gegenüber der Schule unter die Lupe. SchülerInnen interviewten die Aktiven vor Ort und schufen gemeinsam mit der Filmemacherin Angelika Levi eine spannende, traurige und rührende Collage dieses besonderen Ortes. Die Auseinandersetzung mit der Berliner Mauer wurde außerdem im Hörspiel und der Radio-Reportage „Klaus Eckschen“ vertieft. Die gemütliche Wohnzimmerecke in der Remise lädt zum Lauschen ein und kombiniert Archivmaterialien aus der Zeit des Mauerbaus mit Interviewfetzen und selbstgemachten Geräuschen. Miriam Schickler und Shanti Suki Osman konzipierten diesen hörbaren Teil der Ausstellung.

Außerdem wurden Geschichten aus dem Schreibworkshop „Erzähl was“ mit Sophia Hamaz und Newroz Çelik ausgestellt, die auf der Webseite der Remise nachzulesen sind. Auch die kreativen Entwürfe der GrafikwerkstattREMIX“ für das Remise-Logo sind hier dokumentiert: Muriel Biedrzycki und Juanita Kellner bastelten aus Klebebändern, Acrylfarben, Collagen und Linolschnitt viele tolle Kunstwerke mit den Kindern. In der „Werkstatt für Schulbuchumbau“ wurde mit dem Material alter Schulbücher gearbeitet. Carmen Mörsch und Stephan Bast stellten sich mit den SchülerInnen die Frage – was wurde damals eigentlich gelehrt und ist das heute noch vertretbar?

Ein technisches Highlight, das mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille zu entdecken war, wurde von Julia Brunner und Stefan Endewardt (Super Future) gemeinsam mit den SchülerInnen entwickelt: „Die TARDIS“. Eine collagierte Zeitreise durch die Kreuzberger- sowie die Grundschulgeschichte, die sich live mit der Brille aufspüren lässt.

Der etwas andere Geschichtsunterricht – lebendig und offen für die Nachbarschaft

Die kleine Remise zeigt sich also voll kreativer Kraft – und dennoch bleibt das leere Regal für die unerwähnten Stimmen. Die zu Teilen schwierige Vergangenheit soll weiterhin aufgearbeitet werden. Die Remise wird neben vielen anderen Funktionen somit auch Ort des Trauerns und Erinnerns sein. Nicht jeder will drüber sprechen, aber jeder kann. Gemeinsam mit den Kooperationspartnern des FHXB-Museum sollen ZeitzeugInnen und BewohnerInnen dazu eingeladen werden hier einen Ort der Begegnung und des Austauschs zu finden. Auch deswegen öffnet die Remise ab jetzt jeden Montag von 12 bis 18 Uhr ihre Türen und fungiert als flexibles Display für die Nachbarschaft.

Die aktuelle Ausstellung ist noch bis Juni zu sehen, danach wird Neues geschaffen. Bis Ende des Jahres 2019 wird das Lokalhistorische Museum vom Programm Soziale Stadt gefördert werden. Wir freuen uns auf viele weitere Projekte, die durch diesen Ort möglich werden!

 

Kontakt

https://www.dieremise.org/

aylin.turgay@dieremise.org

jacqueline.aslan@dieremise.org