Quartiersmanagement Mariannenplatz - Berlin

„Es geht um direkte Ansprache“

Ein Gespräch mit Aysel Erusta-Basyigit von Kotti e.V. über das im Dezember endende QM-Projekt Willkommen Marianne. Was daraus entstanden ist, kann sich sehen lassen: Gestärkte Selbstorganisation, zahlreiche Synergien und vielseitige neue Angebote.
Ein sonniger Oktobermorgen im Cafébereich des Stadtteilzentrums Familiengarten – Aysel Erusta ist bereits mit den Vorbereitungen für die nächste Tanzgruppe beschäftigt. Einige Frauen sitzen an den Tischen und machen Handarbeiten, trinken Tee und unterhalten sich. In der Küche wird bereits gewerkelt. Zwischendurch gibt man Aysel Erusta das Telefon, sie antwortet auf türkisch und schreibt etwas auf ihren Zettel, sie weiß an wen man sich wenden muss. Dennoch findet sie Zeit um Willkommen Marianne Revue passieren zu lassen.



Kiezredaktion: Hallo Frau Aysel Erusta – sie arbeiten mittlerweile schon im dritten Jahr für das QM-Projekt Willkommen Marianne und sowieso schon eine ganze Weile im Kiez. Die Idee des Projekts war es, das Stadtteilzentrum Familiengarten langfristig als Ankerpunkt im Kiez zu stärken. Wie ist das gelungen?

Aysel Erusta: Genau, ich habe hier vor 21 Jahren in der Kita von Kotti e.V. in der Adalbertstraße angefangen, später im Schülerhaus der Nürtingen Grundschule gearbeitet und in der Grundschule Jens-Nydahl. Seit Willkommen Marianne bin ich hier im Stadtteilzentrum Familiengarten, das ich durch meine Arbeit vorher schon gut kannte. Die Idee war die Brücke zwischen Mariannenplatz und Stadtteilzentrum zu bauen, das war unser Hauptfokus. Ein weiterer Schwerpunkt war es einerseits die Informationen und Angebote in den Mariannenkiez zu bringen und andersherum die Angebote aus dem Mariannenkiez in die anliegenden Netzwerke zu streuen. Also Wissenstransfer, aber niedrigschwellig. Falls jemand etwas nicht verstanden hat, bin ich da um es noch einmal persönlich zu erklären. In manchen Situationen habe ich auch Menschen persönlich begleitet, wie z.B. zum Jugendamt, zur AWO oder zu uns ins Stadtteilzentrum für Beratungen. Also es geht um direkte Ansprache.

Kiezredaktion: Was waren denn die besonders wichtigen Bedarfe, Formate oder Veranstaltungen im Programm?

Aysel Erusta: Viele kannten das Programm des Stadtteilzentrums ja schon, nur einigen war es manchmal z.B. zu weit – obwohl es natürlich nicht weit ist (lacht). Aber jemanden zu haben, der einige noch einmal persönlich anspricht und begleitet, das war es, was sie gebraucht haben. Und natürlich auch jemanden, den sie persönlich wieder erkennen. Mein Gesicht kannten sie und deswegen war das für mich einfacher was die Vorarbeit angeht. So kam ich bei den Nachbarinnen schnell an, das war Glück.

Kiezredaktion: Welche Angebote wurden schlussendlich am Besten angenommen und haben sich zu regelmäßigen Treffpunkten entwickelt?

Aysel Erusta: Beratung ist wirklich das A und O, das haben sie dringend gebraucht. Vor allem in den Bereichen Miete und Wohnen, aber auch Jobcenter und Gesundheit. Das sind auch die Themen, die wir daraufhin als Kotti e.V. aufgenommen haben, z.B. mit der Gesundheitsreihe. Die Montags-Strick- und Häkelgruppe und die Mittwochsgruppe, wo auch die Älteren dabei sind, sind auch sehr beliebt. Da ist auch eine Suppenküche angeknüpft, weil wir mitbekommen haben, dass viele ältere Frauen nicht mehr richtig bzw. regelmäßig essen. Die Gruppe gibt es schon lange, nur dass jetzt mehr vom Mariannenplatz dazugekommen sind. Das sind hauptsächliche türkische Frauen ab 55 Jahren. Aber Kurden, Alewiten, ganz gemischt – wie hier auch in der Nachbarschaft. Durch den Mariannenplatz hat sich auch mehr Sport und Bewegung entwickelt, mit niedrigschwelligen Angeboten. Zum Beispiel einmal wöchentlich Pilates, das wird sehr gut angenommen.

Kiezredaktion: Interkulturelle Begegnung stand im Projekt ja auch im Vordergrund, sowie die Ansprache neuer BewohnerInnen, die in den Kiez ziehen. Hat sich da etwas verändert in den letzten Jahren?

Aysel Erusta: Ja es sind mittlerweile viele Jüngere dabei, die jetzt z.B. zum Nähkurs kommen. StudentInnen, die auf die Flyer reagieren und zu den Aktionen kommen. Die nehmen das wahr, rufen an, fragen auch mal nach Veranstaltungsräumen. Da melden die sich schon. Das merkt man, dass ein Wechsel stattfindet und eine andere Generation nachkommt. Das ist dann auch ganz gemischt. Man merkt, dass sich der Kiez verändert – dann ändert es sich auch bei uns. Es wird diverser, das sieht man eben auch an unserem Angebot. Es gibt verschiedene Flyer für verschiedene Zielgruppen, für die Älteren verteilen wir auch noch einmal extra Flyer. Und auch unsere Internetseite wird sehr viel genutzt. Da findet viel Informationsfluss mit dem anderen QM am Kottbusser Tor statt, dieser Austausch war auch immer Teil des WillMa Projekts. Durch mich sind die beiden QMs also gut verbunden (lacht). Das haben wir auch beim Herbstfest gemerkt, was auch im Rahmen des Projekts Willkommen Marianne durchgeführt wurde. Das wurde gut kommuniziert, es gab mehr Stände und wird jetzt noch besser angenommen. Da haben wir von vielen Akteuren und Vereinen gehört, dass sie nächstes Jahr dabei sein wollen.

Kiezredaktion: Offensichtlich hat sich das Nachbarschaftsfest schon gut im Kiez etabliert. Wenn man Bilanz zieht über die drei Projektjahre Willkommen Marianne, welche anderen besonders schönen Schlüsselmomente gab es?

Aysel Erusta: Also die Schlüsselmomente sind für mich die, die direkt in der Nachbarschaft stattgefunden haben. Faszinierend waren z.B. die selbstorganisierten Pflanzaktionen, das funktioniert sehr gut. Da kann man wirklich Selbstorganisation feststellen. Aber auch neue Gruppen, die hier entstehen, das geht teilweise ganz schnell, wie z.B. die Frauengesprächsgruppe. Aber auch die Ausflüge bei gutem Wetter. Es funktioniert schon vieles sehr gut mit den Frauen, das ist wirklich schön. Wir waren zum Beispiel im Britzer Garten, im Treptower Park und auf dem Tempelhofer Feld. Und mit den Jüngeren auch im Kino. Und super war auch das Frauenschwimmen, da hatten viele Interesse. Drei Frauen haben dort schwimmen gelernt, das war sehr schön. Wir haben manchen Frauen auch ermöglicht eine Ausbildung beim Pflegedienst zu machen. Unsere Kolleginnen haben bei den Bewerbungen unterstützt, das war super. Außerdem gibt es einen Deutschkurs, der sehr gut angenommen ist, da haben wir auch viele Frauen mit reingenommen. Und was ich auch sehr toll finde ist das Tanzen, was sie sehr gerne machen. Einmal im Monat, manchmal auch mit Brunch. Und da wird auch wirklich Stress rausgelassen, das tut denen gut: Musik hören, tanzen und den Alltag vergessen. In den nächsten zwei Monaten werde ich auch mit Laufen anfangen, denn viele Frauen bewegen sich nicht so wie sie sich bewegen sollten. Mit denen werde ich jetzt einmal den Kanal entlang laufen, mal gucken ob sie das schaffen (grinst).

Kiezredaktion: Das klingt alles sehr schön – sind sie denn zufrieden mit Willkommen Marianne als QM-Projekt?

Aysel Erusta: Ja total, aber das hängt natürlich auch mit dem Stadtteilzentrum zusammen, das kennt man. Aber da musste man eben hinführen und auch die Möglichkeit geben, selbst etwas zu tun: „Macht euch auch mal Gedanken, was ihr wollt!“ Das war der wichtige Punkt – „Ah ja, ich kann auch selbst was einbringen“. Und ich persönlich werde ja auch nach dem Projekt auf jeden Fall im Kiez bleiben, der Kontakt zum Mariannenplatz wird bleiben und das Fest wird bleiben. Das Infomaterial wird natürlich auch weiter ausgetauscht. Der Weihnachtsbazar kommt wieder und wir kümmern uns auch weiterhin um die älteren Frauen am Mariannenplatz. Also ich bin sehr zufrieden.



  Alina Schütze